Peter Henisch – Mortimer & Miss Molly

Peter Henisch – Mortimer & Miss Molly

Seit Die kleine Figur meines Vaters bin ich Henisch-Fan. Die Idee von Mortimer & Miss Molly, der Soldat, der vom Himmel fällt, machte mich gleich neugierig. Es solle sich um eine Liebesgeschichte handeln.  Bei Liebesgeschichte bin ich vorsichtig. Meist strotzen sie vor Klischees & triefen vor Kitsch. Aber eine Liebesgeschichte von Peter Henisch? Muss lesen.

Die Geschichte von Mortimer & Miss Molly enstpinnt sich langsam. Das Erzähltempo passt sich der sanft hügeligen Landschaft an, in der sie spielt: der Toskana.  Henisch nimmt sich viel Zeit für seine Protagonisten und die zahlreichen Nebendarsteller. Er lässt den fiktiven toskanische Ort San Vito Realität werden. Genauso könnte es dort sein: mit den schrulligen Ortsbewohnern, dem Albergo mit dem durchhängenden Bett, dem Glockengeläut des nahen Campanile …

Die Liebesgeschichten – ja es sind zwei – sind leider nicht immer so konsistent erzählt. Manchmal  (z.B. wenn es um Sex geht) greift Henisch zu Formulierungen, die völlig deplatziert wirken. Vielleicht passiert das ja  immer dann, wenn die „Realität“ die Fantasie aus der Geschichte drängt. Absicht?!

Naja, um die Geschichte geht´s bei Peter Henisch – zumindest – mir – nicht vordergründig. So ist auch Mortimer & Miss Molly alles andere als ein Pageturner. Dafür aber ein extensiver, sinnlicher Spaziergang in der Toskana.

Und das um ein bisschen mehr als zwanzig Euro. Ci vediamo!

Peter Henisch, Mortimer und Miss Molly
Peter Henisch
Mortimer & Miss Molly
Deuticke Verlag
9783552062252
320 Seiten

 

Ester Satz:

Die Geschichte könnte damit beginnen, das Mortimer vom Himmel fällt.

 

 

 

Werbeanzeigen
René Freund – Mein Vater, der Deserteur

René Freund – Mein Vater, der Deserteur

René Freund ist Jahrgang 1967. Also nur 2 Jahre älter als ich. Doch sein Vater war viel älter als meiner. Das war sein Pech: 1944 wurde er mit 18 Jahren von der Wehrmacht eingezogen und nach Paris an die Front geschickt. Er desertiert, wird von den Kämpfern der Résistance festgenommen und kommt in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Sein Sohn fährt 70 Jahre später mit seiner Frau und seinen Kindern nach Frankreich. In die Normandie, nach Paris. Er begibt sich an die Schauplätze des Krieges, an dem sich sein früh verstorbener Vater nicht beteiligen wollte. Und der ihn und seine Familie doch so massiv betroffen hat. Dabei setzt sich René Freund mit dem Kriegstagebuch seines Vaters auseinander. Kommentierend, hinterfragend. Unter Bezugnahme auf sein eigenes Leben, auf aktuelle Fragestellungen.

„Ich hätte meinem Vater gerne so viele Fragen gestellt, Aber wer weiß, ob ich mich getraut hätte.“

schreibt Freund. Diese Frage hab ich, deren Vater 1944 geboren wurde, mir erspart. Mein Großvater ist gestorben als ich 4 war. Meiner Oma hab ich sie nie gestellt. Der Krieg war bei uns – wie in den meisten Familien – nie Thema. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass erst unsere Generation  genug Abstand hat, die persönlichen Geschichten hinter den historischen Gegebenheiten zu hinterfragen. Nicht mehr als kollektive Traumabewältigung, sondern als persönlicher Reflexionsprozess.

Mit dem Buch René Freunds könnte mensch einen Anfang machen.

René Freund Mein Vater der Deserteur
René Freund
Mein Vater, der Deserteur
Deuticke
9783552062566
208 Seiten

 

Erster Satz:

Vater, dich stell ich in die Mitte.

John Green – Looking for Alaska

John Green – Looking for Alaska

/“I have tried so hard to do right.“ Last words of President Grover Cleveland/

Nach The fault in our stars musste unbedingt ein weiterer John Green her. Dass es sich bei Looking for Alaska um ein Jugendbuch handelt, wurde mir erst im Laufe der Lektüre klar. Aber da war ich schon mittendrin, und die Jugend ist – zumindest gefühlt – noch gar nicht so lange her 😉

Das Dranbleiben hat sich gelohnt. (Anti-)Held Miles Halter ist witzig, kaum obszön, herrlich naiv und wunderbar selbstironisch. Sein scheinbar einziges Talent ist es, sich letzte Worte großer Persönlichkeiten merken zu können. Er hat keine Freunde, ist ein überbehütetes Muttersöhnchen. Jetzt soll er aufs College, weit weg von zuhause.

Glücklicherweise trifft er im College auf einen Zimmergenossen mit mehr Lebenserfahrung. Es bildet sich eine Clique der Underdogs, deren  Anführerin Alaska Young alle in ihren Bann schlägt.

The gorgeous, clever, funny, sexy, self-destructive, screwed-up, and utterly fascinating Alaska Young, who is an event unto herself. She pulls Pudge (i.e. Miles, Anm.) into her world, launches him into the Great Perhaps, and steals his heart. (Klappentext)

Alaska lehrt Pudge („Babyspeck“) – wie sie ihn „liebevoll“ nennt – die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie Rauchen und Saufen. Und sie verkuppelt ihn mit der ebenso unerfahrenen Sara (die Szene mit deren ersten Oralverkehr ist really, really funny!).

Doch insgeheim kommt Miles nicht von Alaska los.

From a houndred miles an hour to asleep in a nanosecond. I wanted so badly to lie down next to her on the couch, to wrap my arms around her and sleep. Not fuck, like in those movies. Just sleep together, in the most innocent sense of the phrase. But I lacked the courage and she had a boyfriend and I was gawky and she was gorgeous and I was hopelessly boring and she was endlessly fascinating. So I walked back to my room and collapsed on the bottom bunk, thinking that if people were rain, I was a drizzle and she was a hurricane.

Nach dem einschneidenden Ereignis, das das Buch in 2 Hälften teilt, ist nichts mehr wie es einmal war. Nun beschäftigt die Jugendlichen die Suche nach dem Great Perhaps, dem Warum und Wieso und dem „Was-kommt-danach“. Und wie im wahren Leben, sind manche bei ihrer Suche erfolgreicher als andere.

Leichtfüßig, witzig, intelligent, mehrfach ausgezeichnet (Winner of the Michael L. Printz Award, Los Angeles Times Book Prize Finalist), gilt wie schon für The fault in our Stars  auch für Looking for Alaska eine uneingeschränkte Lesempfehlung. Auch für Erwachsene.

 

 Greene, Looking for Alaska
John Greene
Looking for Alaska
Speak (Penguin Books) 2005
9780142402511
256 Seiten

Auf Deutsch unter dem Titel Eine wie Alaska in der Übersetzung von Sophie Zeitz bei Hanser erschienen. Im Sommer dieses Jahres wurde zudem bekannt, dass Looking for Alaska verfilmt werden soll.

Erster Satz

The week before I left my family and Florida and the rest of my minor life to go to boarding school in Alabama, my mother insisted on throwing me a going-away party.

Kläglich gescheitert an Katherine Dunn, Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie

Kläglich gescheitert an Katherine Dunn, Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie

Selten kommt es vor, dass ich bereits bei Seite 70 (von 510) aufgebe. Der schöne Einband und die Lobeshymnen am Buchrücken hatten mich verführt. Dabei hätte ich nur den Klappendeckel lesen müssen: „(…) Dunn hat 17 Jahre an Binewskis gearbeitet.“ Das wäre mir sofort suspekt gewesen. Und gleich die ersten paar Seiten machten klar: Das wird nicht mein neues Lieblingsbuch. Zu verdreht die Geschichte, zu künstlich der Stil (Kein Wunder nach 17 Jahren Herumgefitzel!) Eine literarische Freakshow quasi. Doch wenn ich Phantastisches lesen will, greife ich zu Fantasy!

Ich nehme an, wer auf die phantastischen Panoptiken eines T.C.Boyle steht, wird seine Freude an Katherine Dunnes Binewskis haben. Mir bleibt ein schönes Buch im Regal.

Katherine Dunn, Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie
Katherine Dunn Binewskis, Verfall einer radioaktiven Familie
übersetzt von Monika Schmalz
Berlin Verlag
9783827010728
510 Seiten

 

Erster Satz:

„Als eure Mama noch ein Geek war, meine Traumkindchen“, sagte Papa immer, „machte sie das Abknabbern der Köpfe zu einem so glitzernden Geheimnis, dass die Hennen selbst sich nach ihr verzehrten, sie umtanzten, hypnotisiert vor Verlangen.

 

Laurent Gounelle – Les dieux voyagent toujours incognito

Laurent Gounelle – Les dieux voyagent toujours incognito

/ein Buch wie eine Psychotherapie/

Laurent Gounelle war ursprünglich Wirtschaftsprüfer. Dass er von zahlenfixierten Sesselpupsern nicht viel hält, merkt frau recht früh in Les dieux voyagent toujours incognito. Der Held – bzw. zunächst noch Antiheld -Alan steht am Eiffelturm und will springen. Ein mysteriöser Fremder hält ihn davon ab und verspricht ihm ein erfülltes Leben. Er müsse sich nur bestimmten Aufgaben stellen. Da Alan ohnehin nichts mehr zu verlieren hat, willigt er ein und begibt sich auf eine Entwicklungsreise, bei der er viele Dinge tun muss, die ihm überhaupt nicht liegen. Manchmal ist das ganz lustig. (Meistens eher nicht.)

Laurent Gounelles Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Das Cover sieht aus wie ein Schulbuch für Volkschüler_innen – genauso fühlte ich mich beim Lesen manchmal: geschulmeistert, für ziemlich dämlich bzw. ungebildet befunden. Dennoch habe ich weitergelesen, ein gewisser Spannungsfaktor war da. Vor allem wollte ich hinter Interesse des geheimnisvollen Wohltäters kommen…

Wer an mangelndem Selbstbewusstsein, Unfähigkeit zur Kritik leidet und stets die Bestätigung durch andere sucht, sich aber keine Psychotherapie leisten kann/will, der investiere in dieses Büchlein. Es wird ihm guttun. Mir persönlich kam die Botschaft zu platt rüber. Ich werde nicht gerne für einfältig gehalten. Und der Humor kam auch zu kurz. Allerdings hat sich das Buch in Frankreich großartig verkauft wie auch die anderen Romane von Laurent Gounelle…

Larent Gounelle Les Dieux voyagent toujours incognito
Laurent Gounelle
Les Dieux voyagent toujours incognito
Pocket, 2010
9782266219150
475 Seiten

Auf Deutsch heißt das Buch Gott reist immer icognito und ist im Goldmann Verlag erschienen.

Erster Satz:

La nuit douce et tiède m´enveloppait.

Die Wunderübung – Daniel Glattauer

Die Wunderübung – Daniel Glattauer

Ich bin ja bekennender Fan der Glattauer-Brüder. Angefangen mit Daniels Theo und der Rest der Welt über Gut gegen Nordwind inkl. Fortsetzung Alle sieben Wellen bis hin zu Niki Glattauers (wahnsinnig lustig!) Leider hat Lukas.

Die Wunderübung ist ein kleines Kammerspiel. Eine Komödie in einem Akt: Joana und Valentins Ehe scheint am Ende. Dennoch besuchen gemeinsam eine Paartherapie. Schon nach wenigen Seite fragt frau sich allerdings warum.

Der Therapeut bemüht, sich redlich, doch die beiden scheinen willentlich resistent. Sie tauschen Gemeinheiten aus tiefster Schublade aus, pecken aufeinander ein wie wild gewordene Hühner, Fremdschämen bleibt nicht aus.

Doch letztlich verläuft die therapeutische Intervention ganz anders als erwartet. Ob Joana und Valentin zusammenbleiben oder nicht, wird hier natürlich nicht verraten.

110 schmale Seiten, perfekt für einen Nachmittag unterm Sonnenschirm.

Daniel Glattauer
Daniel Glattauer
Die Wunderübung
Deuticke Verlag
9783552062399

 

 

Biografie eines zufälligen Wunders – Tanja Maljartschuk

Biografie eines zufälligen Wunders – Tanja Maljartschuk

Tanja Maljartschuk stammt aus der Ukraine. Seit 2011 lebt sie in Wien. Wenn nur ein Bruchteil dessen, was Maljartschuk schreibt, der Realität entspricht, weiß man auch warum das so ist. Und man weiß auch, wieso so viele Menschen in der Ukraine auf dem Maidan ihr Leben riskiert haben, um das System zu ändern. Sie riskierten es auch vorher schon in prekärsten Verhältnissen, unter staatlicher Willkür, wo zuerst das Recht des Reicheren, dann jenes des Stärkeren kommt. Und wer den offiziellen Weg geht, zerschellt an der Gummiwand der Bürokratie.

Dabei meint es Maljartschuk gut mit ihrer Heldin (im wahrsten Sinne des Wortes) Lena. Lena möchte ein guter Mensch werden.  Denn „anständige Menschen müssen gut sein“. Doch gut sein funktioniert nicht in Maljartschuks Ukraine. Die Menschen dort saufen, verprügeln ihre schwächeren Verwandten und Bekannten, verkaufen Streunerhunde an Chinarestaurants, lassen Menschen vor ihrer Türe erfrieren, betrügen einander und den Staat. Nur Lena stellt sich dem entgegen. Sie verteidigt ihre Kindergartentante, sie setzt sich für die Hunde ein, sie will ihrer behinderten Freundin einen Rollstuhl und eine Rente organisieren. Mutig und ausdauernd tritt sie für ihre Anliegen ein. Im besten Fall erntet sie Spott,  schlechtestenfalls wird sie verprügelt. Erreichen tut sie nichts. Kleine Siege kann sie nur erringen, wenn sie sich doch des Systems bedient und zum Beispiel den Dorfmafioso anheuert um, die Hundefänger zu eliminieren.

Auf ihrem Weg von einer Ungerechtigkeit/Ungeheuerlichkeit zur anderen stolpert sie über einige bemerkenswerte Einsichten. Die knappe Sprache macht daraus beinahe Aphorismen:

„Man trinkt Wodka nicht, weil er da ist, sondern weil nichts anderes da ist: keine Arbeit, kein Glaube, keine Zukunft. Wenn eines von den dreien wieder da ist, wird man keinen Wodka mehr trinken.“

„(…) in einem aussichtlosen Kampf sind diejenigen am wichtigsten, die kämpfen, weil sie der Zeit nicht erlauben, sie in Monster zu verwandeln. Man verliert den Kampf, aber man kann sich selbst gewinnen.“

„(…) Der Tod ist die größte Schwachstelle im Atheismus.“

Maljartschuk schildert die grausamen und elenden Umstände unter denen Lena und ihre SchicksalsgenossInen leben, mit erstaunlichem – verzweifelten? – Humor. Monty Python in echt sozusagen. Doch wenn es gar zu grauslich zu werden droht, bleibt Maljartschuk kein anderer Ausweg, als zum Übernatürlichen zu greifen: Jetzt kann es nur noch die fliegende Frau mit dem roten Kopftuch richten.

So endet der Roman über die einst unerschütterliche Optimistin Lena mit ihrem traurigen Resumée:

Vor langer Zeit hat man mir einmal erzählt, dass es das Gute und das Böse gibt und dass ein anständiger Mensch gut sein muss. Das ist seine Pflicht. Ich habe beschlossen, so zu sein. Ein guter Mensch zu sein. Und so habe ich darauf gewartet, meine Güte endlich beweisen und einsetzen zu können. Doch die Zeit verging und nichts geschah. Ich habe nichts Gutes getan. Im Gegenteil. In meinen Bestreben Gutes zu tun, habe ich Böses angerichtet. Und jetzt frage ich mich: Was ist das Gute überhaupt? Wir wissen, was das Böse ist, aber was ist das Gute?

Tanja Maljartschuk Biografie eines zufälligen Wunders
Tanja Maljartschuk
Biografie eines zufälligen Wunders
übersetzt von Anna Kauk
Residenz Verlag
ISBN 9783701716128