Peter Henisch – Mortimer & Miss Molly

Peter Henisch – Mortimer & Miss Molly

Seit Die kleine Figur meines Vaters bin ich Henisch-Fan. Die Idee von Mortimer & Miss Molly, der Soldat, der vom Himmel fällt, machte mich gleich neugierig. Es solle sich um eine Liebesgeschichte handeln.  Bei Liebesgeschichte bin ich vorsichtig. Meist strotzen sie vor Klischees & triefen vor Kitsch. Aber eine Liebesgeschichte von Peter Henisch? Muss lesen.

Die Geschichte von Mortimer & Miss Molly enstpinnt sich langsam. Das Erzähltempo passt sich der sanft hügeligen Landschaft an, in der sie spielt: der Toskana.  Henisch nimmt sich viel Zeit für seine Protagonisten und die zahlreichen Nebendarsteller. Er lässt den fiktiven toskanische Ort San Vito Realität werden. Genauso könnte es dort sein: mit den schrulligen Ortsbewohnern, dem Albergo mit dem durchhängenden Bett, dem Glockengeläut des nahen Campanile …

Die Liebesgeschichten – ja es sind zwei – sind leider nicht immer so konsistent erzählt. Manchmal  (z.B. wenn es um Sex geht) greift Henisch zu Formulierungen, die völlig deplatziert wirken. Vielleicht passiert das ja  immer dann, wenn die „Realität“ die Fantasie aus der Geschichte drängt. Absicht?!

Naja, um die Geschichte geht´s bei Peter Henisch – zumindest – mir – nicht vordergründig. So ist auch Mortimer & Miss Molly alles andere als ein Pageturner. Dafür aber ein extensiver, sinnlicher Spaziergang in der Toskana.

Und das um ein bisschen mehr als zwanzig Euro. Ci vediamo!

Peter Henisch, Mortimer und Miss Molly
Peter Henisch
Mortimer & Miss Molly
Deuticke Verlag
9783552062252
320 Seiten

 

Ester Satz:

Die Geschichte könnte damit beginnen, das Mortimer vom Himmel fällt.

 

 

 

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The Last Letter from your Lover – Jojo Moyes

The Last Letter from your Lover – Jojo Moyes

/do not read the last pages in public/

Ich kann ja eigentlich belletristische Schmachtfetzen gar nicht leiden. Aber Jojo Moyes schreibt niveauvolle, intelligente, ja sogar spannende Liebesgeschichten.

The Last Letter from your Lover ist eine Story mit mehreren Ebenen die geschickt ineinander verwoben werden. Geschichten von eine verbotener Liebe, Leidenschaft, Trennung, schicksalshaften Ereignissen und schweren Entscheidungen. Aber trotz aller widrigen Umstände, liegt es letztlich in unserer Macht, den Ausgang der Geschichte zu beeinflussen.

The last Letter from your Lover
Jojo Moyes
The last Letter from your Lover
Hodder & Stoughton 2010
ISBN 9780340961643

Auf Deutsch heißt das Buch Eine Handvoll Worte und ist in der Übersetzung von Marion Balkenhol im Rowohlt Verlag erschienen.

The Sense of an Ending – Julian Barnes

The Sense of an Ending – Julian Barnes

/Ok, ein bisserl pathetisch am 31.12. ein Buch mit diesem Titel zu rezensieren. Hat sich so ergeben./

Das harmlos scheinende schmale Büchlein (150 Seiten) sollte man nicht lesen, wenn man gerade depressiv, sehr krank oder sehr alt ist. Es könnte Zweifel aufkommen lassen, über die, im Laufe der Zeit, schön verklärten Erinnerungen. Über die eigene Wahrnehmung. Über verpasste Gelegenheiten. Über Fragen, die wir uns – so uns ein langes Leben beschieden ist – stellen werden: Wann ist ein Leben gelungen? Braucht es Aufregung, Veränderung, mutige Entscheidungen? Wo haben wir unsere Weggefährten verloren?

Denn irgendwann ist es zu spät, und man sitzt im Pub (oder im  Kaffeehaus), alleine mit seinen Gedanken und fragt sich, ob bzw. wo man wann die Ideale seiner Jugend verraten hat.

„I remember a period in late adolescence when my mind would make itself drunk with images of adventurousness. This is how it will be when I grow up. I shall go there, do this, discover that, lover her and her an her. I shall live as people in novels live and have lived. Which ones I was not sure, only that passion and danger, ecstasy an despair (but much more ecstasy) would be in attendance. (…)

But time… how time first grounds us and then confounds us. We thought we were being mature when we were only being safe. We imagined we were being responsible but we were only being cowardly. What we called realism turned out to be a way of avoiding things rather than facing them. Time… give us enough time and our best-supported decisions will seem wobbly, our certainties whimsical.“

Der Autor, Julian Barnes, ist 67. Ungefähr im selben Alter wie der Icherzähler von The Sense of an Ending, Tony Webster. Barnes passt den Erzählstil seines Buches dem Leben seines Protagonisten an: unaufgeregt aber (peinlich bis schmerzhaft) ehrlich, dabei feinsinnig humorvoll.

Der Plot ist substil gestrickt. Bis zum Schluss geht es der Leserin wie dem Erzähler, wenn er zum wiederholten Male gesagt bekommt: „You just don´t get it…“ Letzten Endes verstehen beide dann doch …

Julain Barnes wurde für The Sense of an Ending mit dem Man Booker Prize 2011 ausgezeichnet.

The Sense of an Ending
The Sense of an Ending
Julian Barnes
Vintage Books London, 2011
ISBN 9780099570332

Auf Deutsch heißt das Buch „Vom Ende einer Geschichte“, wurde von Gertraude Krüger übersetzt und ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

La vérité sur l´affaire Harry Quebert – Joël Dicker

La vérité sur l´affaire Harry Quebert – Joël Dicker

Nein, nein, die Rezension schreib ich auf Deutsch. Bin ja schon froh, wenn ich noch sinnerfassend lesen kann, der aktive Wortschatz ist schon zu sehr verkümmert.

Ein Roman im Roman über einen Schriftsteller, der einem Schriftsteller zur Hilfe eilt und darüber ein Buch verfasst. Der vielfach ausgezeichnete Schweizer Autor Joël Dicker trägt in La vérité sur l´affaire Harry Quebert dick auf (hallo subtiles Wortspiel ;-), alles ist immer ur: Der ur-erfolgreiche Autor, der in die ur-Schreibkrise gerät, und dann seinen urur-erfolgreichen Mentor besucht, der in einer ur-beschissenen Situation ist. Der ur-unsypathische Cop, der dann eh ur-sympathisch ist und den ur-krisengebeutelten Schrifsteller, der eigentlich ur-gescheit ist, als Co-Ermittler engagiert. Es geht um die – nein nicht ur – sondern ultimative Liebesgeschichte zwischen einem (ur) – und das kommt jetzt auf die Perspektive an – -alten Schriftsteller und einem urjungen Mädchen, das blöderweise ur-tot auf des Schreiberlings Grundstück gefunden wird.

Wenn man die ganzens Urs mal wohlwollend übergeht, entpuppt sich La vérité sur l´affaire Harry Quebert zu einem sehr vielschichtigen Krimi, der einen durchaus fesselt. Fast bis zur letzten Seite tun sich neue Verdächtige auf, die es dann doch nicht (oder schon?) gewesen sind.

Plot 1a. Ein bissl weniger amerikanische Übertreibung zugunsten Schweizer Bodenhaftung hätte dem Buch gut getan. Aber was zählt schon meine bescheidene Meinung, hat der Roman doch die bedeutenden Auszeichnungen „Prix Goncourt des Lycéens 2012“ und den „Grand Prix du Roman“ der Académie Française erhalten. (Und das als Schweizer, bist du deppert!)

Neben der Krimihandlung betreibt Joël Dicker ein bisserl Psychohygiene indem er die profitgeile Bestseller-Maschinerie geißelt und er prangert die Bigotterie der Amerikaner an – ein bisserl Moral muss schon auch sein.

Dennoch nahezu uneingeschränkte Lesempfehlung. Ein guter Krimi mit ein paar amerikanischen Schwächen.

La vérité sur l´affaire Harry Quebert
La vérité sur l´affaire Harry Quebert
Joel Dicker
éditions de Fallois/L’Âge d’homme, Paris/Lausanne 2012
ISBN 9-782877-068161

Gibt´s seit August 2013 auch auf Deutsch unter dem originellen Titel „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ in der Übersetzung von Carina von Enzenberg im Piper Verlag.

Das Mädchen, das den Himmel berührte – Luca di Fulvio

Das Mädchen, das den Himmel berührte – Luca di Fulvio

Schade, dass mein Italienisch nicht gut genug ist, um Luca die Fulvios neue Geschichte in der Originalsprache zu lesen.Italienisch wäre genau die richtige Sprache um diesen opulenten Roman zu verschlingen.

Di Fulvio produziert Belletristik im besten Sinne des Wortes. Ein phantastisches Abenteuer in dessen Mittelpunkt der Waisenjunge Mercurio und das jüdische Mädchen Giuditta stehen. Um die beiden oszillieren die weiteren Protagonisten: Giudittas Vater Isacco, Benedetta, eine „Kollegin“ Mercurios, deren betörende Schönheit benutzt wurde, den Reichen den Kopf zu verdrehen, um sie zu bestehlen, Zolfo, ein einfältiger Waisenjunge und Hauptmann Lanzafame sowie Shimon, der stumme Rächer.

Sie leben in Italien am Anfang des 16. Jahrhunderts. Hunger, Elend, Krankheit und das Recht des Stärkeren bzw. des Mächtigeren regieren. Wer aus der Gosse kommt, wird in der Gosse sterben. Doch Giuditta und Mercurio trotzen ihrem Schicksal und versuchen, ihre eigenen Wege zu gehen. Dass sie sich  damit Feinde machen, ist klar. Doch – vor allem – Mercurio zeigt, dass man nicht nur mit körperlicher oder struktureller Stärke, sondern auch mit Schlauheit reüssieren kann.

Ja, die Geschichte nimmt die eine oder andere unglaubwürdige Wendung. Ja, manchmal trieft das Pathos! Aber di Fulvios Capriolen reißen einen mit und bei fast 900 Seiten, kann man schon den einen oder anderen allzu haarstraäubenden Blödsinn überlesen.

Eine phantastische Geschichte in der Tradition der Commedia dell´Arte. Oder – wenn man ein bisschen boshaft sein möchte – die Vorlage für die italienische Version des Musicals Les Misérables.

Mit einem Wort: die ideale Lektüre für die Weihnachtsfeiertage!

Das Mädchen, das den Himmel berührte
Das Mädchen, das den Himmel berührte
Luca di Fulvio
ISBN: 978-3-404-16777-7
Bastei Lübbe, Köln 2013

PS: Wer eine ähnlich beeindruckende, aber nicht ganz so barocke Geschichte lesen möchte, dem empfehle ich den Vorgänger: Der Junge, der Träume schenkte.

„Bin gesund und guter Dinge“ – Philipp Traun

„Bin gesund und guter Dinge“ – Philipp Traun

Achtung: KUNST!

„Schwierig“ dachte ich anfangs, noch immer traumatisiert vom „inneren Monolog“ des Leutnant Gustl haben mich die ziellosen Gedanken von Paul Lichtenperg zunächst gelangweilt. Aber ich hielt durch, und dann hat es mich doch gepackt. Unbedingt wollte ich wissen, wie das nun war mit dem Großvater in der Nazizeit, den Eltern in Thailand. Oder wie es werden würde mit Mila der Pflegerin. Und in der ganzen Hektik, hab ich die Auflösung verpasst! Das hasse ich ja! Wie wenn man beim Tatort 5 Minuten vor Schluss einschläft! Sicher kann man sich´s erzählen lassen, aber das ist dann irgendwie nur mehr lauwarm…

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Die Kritiker sind begeistert, voll des Lobes „Ein großes schriftstellerisches Talent“ (Kurier), „Der Roman über dieses Scheitern (…) ist mehr als gelungen!“ (Vorarlberger Nachrichten). Auch Lilo Stalzer von der Buchhandlung am Augarten war begeistert: „Absolut lesenswert – eines der besten Bücher 2012!“

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Man kann Philipp Traun nur wünschen, dass nichts, aber auch gar nichts an seinem Roman autobiographisch ist. (Ich habs nicht recherchiert…) Niemand will so leben wie Paul Lichtenperg – außer vielleicht in dem Schloss, das er mit seinem Großvater und dessen Pflegerin Mila bewohnt. Ziellos, von Zwängen getrieben, wirr im Kopf. Als wäre er immer noch im Heroinrausch. Schwer traumatisiert, aber wovon? Das weiß nur der Großvater, doch der flüchtet sich in die Demenz. Doch Paul rafft sich auf: Er kriecht unter dem Bett hervor, packt seinen Großvater und Mila ins Auto und will – um jeden Preis, denn er hat ja nichts mehr zu verlieren – seine Geschichte in erfahren.

Also zunächst auf nach Warschau, ins Ghetto, den Großvater zu Erinnerung zwingen. (Und Mila seine Liebe gestehen, doch ach!) Die Wahrheit über den vermeitlichen Tod seiner Eltern bei einem Flugzeugabsturz herausfinden. Aber erstens kommt es anders. Zweitens als man denkt. Un drittens als man sich vorstellen kann!

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Ich hab ein zwiespältiges Verhältnis zu diesem Buch. Auf der einen Seite lasse ich mir nicht gern die Zeit stehlen (vielleicht bin ich dafür schon zu alt), auf der anderen Seite schreibt Traun so großartige Sätze wie:

„Kennst du das, wenn du nicht mehr fokussieren kannmst? Nichts mehr ost greifbar, als bräuchte deine Seele eine neue Brille.

„Eine Seele wäre endgültig mein Untergang,“ antwortete Peter, „aber ich glaub ja Gott sei dank nicht an die Seel. Das wäre abgesehen von meinem Hunger nur ein weiteres Nichts, das ich stopfen müsste.“

Man muss sich aber schon durch sehr viel an den Haaren herbeigezogenen Ereignissen und banalem Geschwurbel durchkämpfen um auf solche Kleinodien zu stoßen.

Wenn  Sie gerne lesen um des Lesens Willen, dann wird Sie Philipp Traun nicht enttäuschen. Seien Sie bloß vorsichtig, die Auflösung nicht zu verpassen! Wecker ca. auf S. 252 stellen!

Philipp Traun - Bin gesund
Bin gesund und guter Dinge
Philipp Traun
ISBN 978-3-85002-814-1
Amalthea Signum Verlag, Wien 2012
The Light Between Oceans – M.L. Stedman

The Light Between Oceans – M.L. Stedman

Australien 1926; Tom führt ein Leben jenseits unseres Vorstellungsvermögens: Er ist Leuchtturmwächter auf einer vor  Insel im Pazifik. Einmal alle drei Monate kommt ein Versorgungsboot. Doch Tom ist mit seinem Leben zufrieden. Er erfüllt die ihm auferlegten Aufgaben mit Akribie und Demut. Er büßt für seine “Heldentaten“ im Krieg. Doch das Glück – oder Gott? – ist ihm hold und beschert ihm eine wunderbare Frau, Izzy. Izzy, die noch dazu bereit ist, sein doch eher außergewöhnliches Leben zu teilen.

Izzy und Tom sind überglücklich miteinander. Das einzige was ihr Glück noch steigrn könnte, wären Kinder. Doch Izzy erleidet zwei Fehlgeburten. Scheinbar soll es nicht sein… Doch da wird ein Boot ans Inselufer gespült. Ein Boot mit einem toten Mann und einem sehr lebendigen Baby.

Izzy und Tom müssen nun eine Entscheidung treffen. Es wir die schwierigste ihres Lebens…

Auf einer Insel, die nur von zwei Menschen bewohnt wird, wo nur vier Mal im Jahr andere Menschen auftauchen, wessen Wahrheit, wessen Moral zählt da? Welche Liebe zählt mehr: die der biologischen Eltern oder die Liebe jener, mit denen das Kind aufwächst? Wie weit ist man bereit, für seine Liebe zu gehen? Wo hört Gottes Wille auf und fängt des Menschen Werk an?

Right or wrong. Darum geht´s in The Light Between Oceans. Um die Entscheidungen, die uns auferlegt werden – im ganz normalen Leben wie auch in Ausnahmesituationen wie z.B. im Krieg – und um deren Konsequenzen, mit denen wir und unsere Mitmenschen leben müssen.

Ein spannendes Buch, das Einblicke gibt in eine vergangene Zeit. Leicht zu lesen, ein gelungenes Debut der Australierein M.L. Stedman.

The Light Between Oceans
The Light Between Oceans – M.L. Stedman
ISBN 978-0-552-77907-4
RandomHouse, 2012