Last-Minute-XMAS-Empfehlung: 20 Bücher und wem ihr sie schenken solltet

Last-Minute-XMAS-Empfehlung: 20 Bücher und wem ihr sie schenken solltet

Sonja Franzke empfiehlt

Nino Harataschwilli, Das achte Leben
Für Sofakuschlerinnen und Pageturner, die Geschichte in der Geschichte mögen

Paulus Hochgatterer Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Für Lesefaule, die trotzdem nicht auf Heldengeschichten verzichten wollen und einen Sprachqualitätsanspruch haben

Silvia Pistotnig, Tschulie
Für Bobos mit einer Schwäche für Trash, Hochstaplerinnen mit Sinn für Selbstironie, z. B. die Mutter der Schwiegertochter/Freundin

Ruth Cerha, Bora
Für die, die ab Jänner  über die Winterlänge jammern

Jon Gnarr, Hören Sie gut zu und wiederholen Sie
Für politische Seelen, die am Wahlverhalten ihrer MitbürgerInnen verzweifeln, und für alle, die meinen, Idealismus gehöre ins Museum und nicht in die Politik. Tipp: Vielleicht gleich jedem und jeder, der oder die unterm Christbaum den falschen tagespolitischen Kommentar abgeben könnte.

Ines Glatz-Deuretzbacher empfiehlt

Jen Sincero, Du bist der Hammer
Wer einen Schub in Sachen Lebensfreude und Glaube ans Gute braucht, liest oder hört am besten Jen Sincero – ist der Hammer!

Ingrid Kaltenegger, Das Glück ist ein Vogerl
Für Leichtleser – Ein alter, verunfallter Mann, der in den Träumen eines verkappten Musiklehrers erscheint – gepaart mit einer saftigen Beziehungskrise desselben: lustig und todernst zugleich.

Dallas Shaw, The Way She Wears it
Für Stilsuchende – Auf der Suche nach neuer Inspiration gegen immer gleiche Outfits, greift man am besten zu diesem herrlichen Buch von Star-Stylistin Dallas Shaw: Nach Saisonen geordnete Illustrationen, Fotos, außergewöhnliche Stilvorschläge – inklusive Kleiderkasten-Selbstreflexionen …

Daniel Kehlmann, Tyll
Für echte LeserInnen – Auch wenn man die „Vermessung der Welt“ nicht geliebt oder sogar gar nicht gelesen hat – wer diesen großartigen, unglaublich intensiven, mit Ironie, Witz und Liebe zum Detail versehnen Blick in die Zeit des 30-jährigen Krieges versäumt, ist selbst schuld.

Michaela und Nico Richter, Paleo in 15 Minuten: schlank & glücklich mit der Steinzeit Diät
Für Semmerlesser – Einmal den Wahnsinns-Turbo durch Paleo-Ernährung erlebt und nie wieder ein Semmerl angerührt … naja … oder nur mehr ganz, ganz selten …

Ich empfehle

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann
Für alle, die wir lieben.

Ronja von Rönne, Heute ist leider schlecht
Für Menschen, die man nicht mag, aber irgendwie auch nicht loswerden kann wie z.B. lästige, aber nötige KundInnnen, unbeliebte Familienmitglieder, grenzüberschreitende NachbarInnen, Hauptfachunterrichtende, o.ä.

Marc-Uwe-Kling, Quality Land (Hörbuch von ihm selbst gelesen)
Für humorbegabte Zeitgenossen sowie Drohnen mit Flugangst, Sexdroiden mit Erektionsstörungen, Staubsauger mit Messie-Syndrom und E-Poetinnen sowie alle, die in die Zufkunft schauen wollen.

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege
Für bff (bestfriendsforever) & bmf (bestmothersforever)

Gail Honeyman, Ich, Eleanor Oliphant
Für alle, die einen liebenswerten Klopfer haben

Doris Knecht, Wald
Für alle, denen das Leben kräftig reing´schissen hat

Jonathan Safran Foer, Hier bin ich
Für alle, die großartige jüdische Literatur lieben und gerne Nachdenken beim Lesen

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben
Für alle, die das beste Buch 2016 noch nicht gelesen haben und sich nicht vor 960 Seiten nicht schrecken

Naomi Klein, Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klim
Für öko-RealistInnen, zwar schon 4 Jahre alt aber natürlich immer noch gültigst

Elena Favilli, Francesca Cavallo, Good Night Stories for Rebel Girls
„Das sind richtig tolle Gute-Nacht-Geschichten, die auf dem Nachtkästchen jedes Mädchens und jeder jungen Frau liegen sollten“ (Franziska Schweizer)

Anmerkung:
Diese Empfehlungen gelten nur, wenn die Bücher im Buchgeschäft ums Eck gekauft werden und nicht beim bösen amerikanischen Konzern, der Steuern vermeidet – obwohl sein Besitzer bereits der reichste Mann der Welt ist! –, hierzulande kaum Wertschöpfung generiert und seine MitarbeiterInnen schlecht bezahlt.

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Robert Misik präsentiert im HUB sein neues Buch Kaputtalismus

Robert Misik präsentiert im HUB sein neues Buch Kaputtalismus

Das wird jetzt keine Buchbesprechung. Ich habe das Buch noch nicht gelesen. Aber gestern präsentierte Robert Misik auf Einladung der Grünen Wirtschaft sein neues Buch im HUB. Ich mag ja Misik. Er ist einer der wenigen die so über Wirtschaft schreiben, dass ich Lust hab, das auch zu lesen. Und natürlich auch, weil Misik ein Linker ist, dem es nicht an Humor mangelt.

Der HUB ist voll. Und auf den ersten Blick würde man gar nicht glauben, dass es sich um eine „grüne“ Veranstaltung handelt. Gut, die Location und das Catering der Hollerei  lassen schon vermuten, dass sich hier weder rechte noch konservative Recken treffen. Aber lauter durchwegs gut angezogene Menschen, inkl. Volker Plass, dem Bundessprecher der Grünen Wirtschaft, der optisch auch voll als Rechnungshofspräsidentenaspirant durchgehen würde in seinem dunklen Anzug (was er spätestens in dem Moment zu bereuen beginnt, als er seinen Moderatorenplatz unter den Scheinwerfern einnimmt). Kein Vollbart unter den Männern! Viele Frauen sind da! Yes! (Bei der letzten Veranstaltung dieser Art, als es um Gewinne aus ethischen Investments ging, waren die Y-Chromosome viel zu spärlich vertreten.)

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Also es ist heiß. Volker Plass hat den Zeitpunkt, das Sakko auszuziehen, bereits verpasst, als Robert Misik beginnt, in kurzen Zügen den Inhalt seines Buches zu skizzieren.

„Die Weltfremdheit der Austeritätspolitik versteht sich von selbst.“ sagt er eingangs. Nun ja, innerhalb des HUBs sicher, aber außerhalb?!

Dann folgte irgendwas, was ich nicht verstehe und ich frage mich besorgt, ob die Voraussetzung für die Teilnahme an diesem Event vielleicht war, das Buch bereits gelesen zu haben. Doch nein. Schnell wurde es wieder verständlich.

Misik möchte sein Buch nicht als Kapitalismuskritik verstanden wissen, sondern als Bestandsaufnahme, als Analyse dessen was bereits zu beobachten ist und worüber namhafte Ökonomen bereits publizieren. Dass es so nicht einfach weitergehen kann, sei uns (who is uns?) klar. (Den Entscheidungs-Eliten m.E. allerdings nicht.) Der Kapitalismus, der davon lebt, dass man zunächst Schulden macht, die man anschließend aus wachstumsgenerierten Gewinnen zurückzahlt, funktioniere nicht (mehr), wenn es kein Wachstum gibt. Und das gebe jetzt schon länger nicht mehr. /Und auch wenn die G7 in Tokio beschließen, „weltweites Wachstum zu fördern“, dann zeigt das nur, wie jämmerlich alternativenfrei auf supranationaler Ebene „gespint“ wird./

Die Symptome des Kaputtalismus sind laut Misik:

  1. niedriges Wachstum seit annähernd 40 Jahren
  2. explodierende Schulden aller Wirtschaftssubjekte (Staaten, private Haushalte, private Institutionen)
  3. dramatisches Wachstum der Ungleichheiten
  4. technologische Entwicklung, die kaum mehr Produktivitätsschübe mit sich bringt.
  5. bzw. Entkoppelung zwischen Produktivitätssteigerung, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung (Beispiel USA)

Die Transformation werde kommen müssen. Die Frage ist nur: Kommt sie als Crash, als langsamer, schleichender Niedergang oder gestalten wir sie (und tragen so aktiv zu unserem Glück bei – wie das Wort „Glück“ im Untertitel gemeint ist)?

Misik glaubt nach wie vor an die Politik (oder will dran glauben?!). Zwar nicht an jene, die als attraktivstes Argument das kleinere Übel zu sein angibt, aber an eine neue Linke wie sie eventuell auch Herr Kern verkörpern könnte… Da bleibt Misik allerdings dann doch recht vage.

Auf die Frage, warum er den ökologischen Aspekt nahezu völlig außer Acht gelassen habe, antwortet der Autor: Dieser Aspekt eröffnet ein völlig anderes Terrain, das nicht Gegenstand dieses Buches war.

Interessanterweise wird an diesem Abend auch kaum über das Bedingungslose Grundeinkommen gesprochen. Auch wenn sich alle einig sind, dass in den nächsten wieviel-auch-immer Jahren ganz viele Jobs wegfallen werden. Der klassische Ruf der Linken nach besserer Bildung werde auch daran nichts Gravierendes zu ändern vermögen, wie Misik betont.

Ganz ohne einen Verweis auf Griechenland kommt der Abend natürlich nicht aus: In Griechenland herrsche bereits das Chaos. Die soziale Versorgung sei nicht mehr gewährleistet. Doch die Not mache nicht nur kaputt, sondern auch erfinderisch ( © Volker Plass). Sie bringe neue Formen des gemeinsamen,  Wirtschaftens hervor (peer-to-peer, „commonismen“) & sie ent-deckt (© ich) Solidariät.

Meine Standardfrage, die ich jedem postwachstumsanimierten Redner (hier kann ich mir das Gendern getrost sparen) in den letzten 6 Jahren gestellt habe, beantwortet auch Misik nicht. Vielleicht habt ja ihr eine Idee: Um den Gedanken nachzuvollziehen, dass es in einem endlichen System (Erde), kein unendliches Wachstum geben kann, braucht man keine überdurchschnittliche Begabung. Warum sehen dann alle, die ich für viel gscheiter als mich halte, immer noch Wachstum als seeligmachende Lösung an? Warum diskutieren wir – die total geheime Postwachstumssekte?! –  schon seit Jahren über alternative Szenarien, während die Weltöffentlichkeit geistig zurückgeblieben das Wachstumsmantra vor sich hin brabbelt. /Ich ernte Zwischenapplaus, was nichts an der Nichtbeantwortung der Frage ändert./

Das anschließende Buffet ist zu 100% nicht glutenfrei. Dies trübt meine Stimmung. Zur Postwachstumssekte gehört auch ein Esoteriker, der meint, wir müssen erst unser Menschenbild ändern, dann ergäbe sich der Rest von selbst.  Ich habe nicht ausreichend Alkohol zur Verfügung (Bier ist voller Gulten!), um das nachvollziehen zu wollen und ziehe mich in den Raucherhof zurück, wo ich mir das zweite Autogramm meines Lebens hole. Nicht ohne Robert – wir dürfen ihn duzen – darauf hinzuweisen, dass er der einzig noch lebende Mensch ist, von dem ich mir je ein Autogramm geholt habe. (Das erste stammte von Paul Watzlawick.) Das mache ihn verlegen, wie er sagt.

Warum lesen diese verdammten PolitikerInnen nicht solche Bücher und bringen zukunftsfähige Entwicklungen in Gang? Warum scheißen sich die vor dem Kapital so in die Hose? Die haben doch erstens eh schon ausgesorgt, und dann haben die doch auch  Kinder, die in einer lebenswerten Welt ihre Kinder großziehen möchten… Nein das habe ich nicht Robert nicht gefragt. Vielleicht steht das ja in seinem Buch. Das geh ich jetzt lesen…

Robert Misik Kaputtalismus – Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen aufbau Verlag, 2016, 224 Seiten

Zu bestellen zu Beispiel beim Buchkontor, der Buchhandlung hinter der Stadthalle, die ab einer Mindestbestellung von € 25,- gratis versendet.

Danke an Beate Hemmelmayer für die Fotos.

George Packer, Die Abwicklung

George Packer, Die Abwicklung

Mehrfach ausgezeichnetes Buch über den (wirtschaftlichen) Niedergang der USA seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Fesselnd geschrieben und auch für nicht-Auskennerinnen ein Sachbuch, das frau zügig durchliest.

Packer, Mitglied der Redaktion des New Yorker, liefert in Die Abwicklung – Eine innere Geschichte des neuen Amerika – tiefe Insights in ein kaputtes politische System, in dem die Demokratie praktisch abgeschafft ist. Präsidenten und Gesetze werden von Kapital und Konzern-Lobbyisten gemacht. Die BügerInnen sind nur noch zur quasi-Legitimation da und zur (finanziellen) Ausbeutung. Was Amerika heute noch zusammenhält ist die Gier.

Packer analysiert das System anhand paralleler Biografien – wie z.B. jener der einfachen Industriearbeiterin Tammy Thomas, der des Politikberaters Jeff Connaughton, der jahrelang den Republikaner Joe Biden unterstützte oder des Biodiesel-Pioniers Dean Price. Auch in unseren Breiten bekanntere Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Silicon Valley-Milliardär Peter Thiel oder der Rapper Jay Z kommen vor.

Ausführlich beschreibt der Autor die Finanz- und Immobilienkrise und wer davon am meisten profitiert (hat). Er legt dar, warum bisher niemand Rechenschaft ablegen musste dafür, dass hundertausende Amerikaner ihr Erspartes und/oder ihr Dach über dem Kopf verloren haben.

Es ist eine fesselnde, wenn auch bestürzende Geschichte, die Packer erzählt. Am Ende wünscht man sich, dass alles nur erfunden wäre. Ein packender Wirtschaftskrimi, der nichts mit der Realität zu tun hat …

 

die Abwicklung
George Packer
Die Abwicklung
übersetzt von Gregor Hens
Verlag S. Fischer
512 Seiten
9783100001573

The Unwinding heißt das Buch im Original. Es wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet und erhielt in den USA wie auch im deutschsprachigen Raum hymnische Rezensionen. So schreibt z.B. Die Zeit: „Die Abwicklung ist besser als jeder Roman.“, die New York Times Book Review: „Packend, tief berührend, herausragend erzählt.“

Erster Satz: Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann – wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, dass die Bande sich lösten, die sie sicher, manchmal erdrückend fest wie eine eng gewicklete Spule, zusammengehalten hatten.“